DAV-Wirtschaftsbericht 2026: Apotheken zwischen Honorarstagnation und Kostenanstieg
Steigende Personalkosten, höherer Kassenabschlag und zunehmende Online-Konkurrenz setzen Apotheken weiter unter Druck. Selbst eine Anhebung des Fixums auf 9,50 Euro würde die wirtschaftliche Lage laut aktuellem Bericht nur minimal entspannen.
06.05.2026
Die wirtschaftliche Situation vieler Apotheken bleibt angespannt. Zwar ist politisch eine Erhöhung des Fixhonorars pro verschreibungspflichtigem Arzneimittel von aktuell 8,35 € auf 9,50 € angekündigt, konkrete gesetzliche Regelungen liegen bislang jedoch nicht vor.
Parallel dazu plant die Bundesregierung im Rahmen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes eine dauerhafte Anhebung des Kassenabschlags von 1,77 € auf 2,07 € zum Jahreswechsel.
Finanzielle Auswirkungen des höheren Kassenabschlags
- Die Erhöhung des Abschlags führt laut Berechnungen zu einem jährlichen Nettoverlust von 166 Mio. € für Apotheken.
- Das entspricht rund 3 % der gesamten GKV-Apothekenvergütung.
- Die Maßnahme soll unbefristet gelten.
Dem gegenüber steht die angekündigte Fixumerhöhung:
- Erhöhung von 8,35 € auf 9,50 €
- Zusätzliche Einnahmenpotenziale von rund 909 Mio. € pro Jahr
Mehr Einnahmen werden fast vollständig durch Kosten aufgezehrt
Nach Berechnungen aus dem DAV-Wirtschaftsbericht würde die geplante Honorarerhöhung kaum zu einer echten wirtschaftlichen Entlastung führen.
Erwartete Mehrkosten 2026
- Zusätzliche Personalkosten durch Mindestlohnerhöhung und Tarifsteigerungen: ca. 670 Mio. €
- Nettoeffekt nach Abzug aller Belastungen: nur 73 Mio. € Überschuss bundesweit
Das entspricht:
- durchschnittlich lediglich 4.400 € Mehrertrag pro Apotheke pro Jahr
Weitere wirtschaftliche Belastungsfaktoren:
- noch keine Umsetzung der angekündigten Lockerung bei Skonti
- zusätzliche Kosten durch dynamische Abschläge
- höhere Zuzahlungen und Verwaltungsaufwand
Kostenentwicklung entkoppelt sich von Vergütung
Laut Bericht hat sich die Kostenstruktur der Apotheken in den vergangenen Jahren deutlich verändert.
Entwicklung seit 2013
- Personalkosten: +88 %
- Sachkosten: +55 %
- GKV-Einnahmen insgesamt: +82 %
- Bruttoinlandsprodukt: +56 %
- Apothekenvergütung pro Rx-Packung: nur +12,3 %
Diese Entwicklung beschreibt die ABDA als strukturelles Missverhältnis zwischen steigenden Betriebskosten und nahezu stagnierenden Honoraren.
Arzneimittel werden teurer - Margen steigen nicht automatisch
Im GKV-Markt hat sich die Umsatzverteilung deutlich in Richtung hochpreisiger Arzneimittel verschoben.
Umsatzanteile nach Preisklassen
Arzneimittel über 5.000 €
- 2011: 6,1 % Umsatzanteil
- 2025: 16,2 %
Arzneimittel zwischen 1.500 € und 5.000 €
- 2011: 11,5 %
- 2025: 25,6 %
Arzneimittel unter 1 €
Trotz steigender Umsätze verbessert sich die Ertragslage dadurch nicht automatisch, da der Wareneinsatz massiv gestiegen ist.
Wareneinsatzentwicklung
- aktuell über 80 % des Umsatzes
- vor 20 Jahren: knapp über 70 %
Durchschnittsumsatz hoch - wirtschaftliche Realität differenziert
Eine Apotheke setzte 2025 im Durchschnitt rund 4 Mio. € um.
Allerdings gilt:
- typischerer Umsatzwert laut Bericht: 3,1 Mio. €
- hohe Einzelumsätze verzerren den Durchschnitt nach oben
Betriebsergebnisse nur leicht verbessert
Die Ertragslage vieler Betriebe bleibt kritisch.
Betriebsergebnisse 2025
- durchschnittliches Betriebsergebnis: 168.000 €
- Vorjahr: 162.000 €
Gleichzeitig:
- steuerliches Betriebsergebnis: 4,2 % und weiter rückläufig
Datengrundlage:
- Treuhand-Datenpanel mit rund 2.400 testierten Betriebsergebnissen
Viele Apotheken wirtschaftlich im Risikobereich
Besonders problematisch ist die Zahl wirtschaftlich schwacher Betriebe.
Wirtschaftliche Risikoverteilung
- 7 % der Apotheken erzielten 2025 ein negatives Betriebsergebnis
- weitere 25 % kamen auf weniger als 100.000 € Betriebsergebnis
Damit liegen zahlreiche Inhaber teilweise unter den Bruttolohnkosten angestellter Krankenhausapotheker im öffentlichen Dienst.
Versandhandel gewinnt weiter Marktanteile
Die Konkurrenz durch Versandapotheken wächst weiter.
OTC-Versandhandel 2025
- Marktanteil am OTC-Umsatz: 23,6 %
Besonders dynamisch entwickelt sich das E-Rezept-Geschäft ausländischer Versender.
GKV-Arzneimittelausgaben für ausländische Versender
- 2023: 415 Mio. €
- 2024: 669 Mio. € (+61 %)
- 2025: über 1 Mrd. € (+53 % gegenüber 2024)
Die ABDA warnt vor einer langfristigen Schwächung der Vor-Ort-Versorgung.
Leistungen der Vor-Ort-Apotheken 2025
Trotz wirtschaftlicher Belastungen bleibt das Leistungsspektrum hoch.
Kennzahlen 2025
- 1 Mrd. Patientenkontakte
- 10 Mio. individuelle Rezepturen
- 900.000 pharmazeutische Dienstleistungen
- 334.000 Notdienste
- 330.000 Impfungen
Zahl der Apotheken sinkt weiter
Der Strukturwandel setzt sich fort.
Entwicklung Q1/2026
- Ende März 2026: 16.601 Apotheken
Laut Bericht:
- niedrigster Stand seit 1977
Zwar habe sich das Apothekensterben zuletzt leicht verlangsamt, die Apothekendichte sinke jedoch im europäischen Vergleich weiter.
Kritischer Blick auf politische Reformen
Die Bilanz der aktuellen Regierungskoalition fällt aus Sicht des DAV ernüchternd aus.
Kritikpunkte:
- kaum Umsetzung versprochener apothekenstärkender Maßnahmen
- keine konkrete Umsetzung der Fixumerhöhung
- geplante PTA-Vertretungsregelung wird als Risiko für Qualitätsverlust bewertet
Der Bericht warnt davor, steigende Gesundheitskosten über zusätzlichen Kostendruck auf Leistungserbringer abzufedern.
Ausblick 2026
Für 2026 werden erwartet:
- weiter steigende Umsätze
- höhere Wareneinsatzquoten
- zusätzliche Umverteilungseffekte durch Apothekenschließungen
Der DAV geht davon aus, dass ein erheblicher Teil der Betriebe wirtschaftlich nicht dauerhaft tragfähig sein wird.
--> Der DAV-Wirtschaftsbericht 2026 zeigt, dass Apotheken trotz angekündigter Fixumerhöhung weiterhin unter massivem wirtschaftlichem Druck stehen: steigende Personal- und Sachkosten, ein höherer Kassenabschlag, wachsende Online-Konkurrenz und anhaltender Strukturwandel lassen selbst ein Honorarplus von 9,50 € nur wie einen kleinen Pflasterstreifen auf einer größeren Baustelle wirken.