Gesundheitsminister Carsten Linnemann will die Krankenkassenlandschaft deutlich verkleinern und setzt auf größere Kassen mit mindestens 1 Mio. Versicherten.
Der erwartete Effizienzgewinn durch Fusionen ist jedoch umstritten, da weder die Finanzkommission Gesundheit noch Erfahrungen aus Österreich einen eindeutigen Spareffekt belegen.
Linnemann hält an seinem Fusionsplan fest
Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) will die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen weiterhin deutlich reduzieren: Bereits im April 2026 hatte er als damaliger CDU-Generalsekretär vorgeschlagen, die Zahl der Kassen von damals 93 auf lediglich 10 bis 20 zu verringern.
Nun bekräftigte Linnemann seine Position erneut. In einem aktuellen Interview erklärte er, dass er von seinem damaligen Vorschlag nicht abrücken werde.
Sein ursprünglicher Ansatz sieht unter anderem vor:
Aus Linnemanns Sicht könnten größere Krankenkassen dadurch wirtschaftlicher arbeiten und ihre Verwaltung effizienter organisieren.
Finanzielle Einsparungen sind nicht belegt
Ob eine solche Konzentration tatsächlich zu relevanten Einsparungen führt, ist allerdings keineswegs geklärt.
Die Finanzkommission Gesundheit, die die Grundlage für das geplante GKV-Spargesetz erarbeitet hat, hat eine weitgehende Zusammenlegung der Krankenkassen ausdrücklich nicht empfohlen.
Ein zentraler Grund: Die Experten konnten keinen konkreten Spareffekt berechnen, der allein durch eine Verringerung der Kassenzahl entstehen würde.
Auch internationale Erfahrungen sprechen nicht eindeutig für Linnemanns These.
In Österreich wurde die Zahl der Krankenkassen bereits deutlich reduziert. Nennenswerte Einsparungen ließen sich dadurch nach den vorliegenden Erfahrungen jedoch nicht erzielen.
Weniger Kassen bedeuten nicht automatisch weniger Arbeit
Auch der GKV-Spitzenverband widerspricht der Vorstellung, dass Fusionen automatisch zu deutlich geringeren Verwaltungskosten führen.
Das zentrale Argument: Durch einen Zusammenschluss verändert sich die Zahl der Versicherten nicht. Auch der Aufwand für deren Betreuung bleibt grundsätzlich bestehen.
Eine Fusion könnte zwar Verwaltungsstrukturen zusammenführen, gleichzeitig entstehen aber auch Kosten für die organisatorische Integration größerer Einheiten.
Der GKV-Spitzenverband verweist zudem auf die langfristige Entwicklung:
GKV-Spitzenverband warnt vor zu starker Konzentration
Der GKV-Spitzenverband sieht die heutige Struktur grundsätzlich als funktionierenden Wettbewerb. Nach Einschätzung des Verbands haben die Krankenkassen ihre Verwaltung bereits über viele Jahre hinweg verschlankt und weiterentwickelt.
Vorstandsvorsitzender Oliver Blatt warnt deshalb davor, die Zahl der Kassen zu stark zu reduzieren.
Aus Sicht des Verbands hat der Wettbewerb eine wichtige Funktion:
Damit steht der politische Wunsch nach größeren Kassen einem grundsätzlichen ordnungspolitischen Argument gegenüber: Weniger Anbieter können zwar Strukturen vereinfachen, gleichzeitig aber den Wettbewerb einschränken.
Bereits im Frühjahr zurückhaltende Reaktionen
Linnemanns Vorschlag war bereits im Frühjahr auf unterschiedliche Reaktionen gestoßen.
Die damalige Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte den Gedanken einer Konsolidierung zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen, aber darauf hingewiesen, dass es schwierig sei, zu beurteilen, ob Fusionen tatsächlich zielführend seien.
Die Finanzkommission Gesundheit sollte deshalb prüfen, welche Auswirkungen eine weitere Konzentration der Kassenlandschaft hätte.
Das Ergebnis fiel letztlich zurückhaltend aus: Einen belastbaren zusätzlichen Spareffekt durch eine bloße Verringerung der Kassenzahl konnte das Expertengremium nicht feststellen.
Streit um den richtigen Weg zur GKV-Finanzierung
Hinter der Diskussion steht ein größeres Problem: Die GKV steht unter erheblichem Kostendruck. Linnemann sieht in einer Verschlankung der Kassenlandschaft einen möglichen Hebel, um Verwaltungs- und Strukturkosten zu senken.
Die Gegenseite argumentiert dagegen, dass die entscheidenden Ausgaben der Krankenkassen nicht allein durch die Zahl der Kassen bestimmt werden. Viel stärker ins Gewicht fallen die tatsächlichen Leistungsausgaben für beispielsweise Krankenhäuser, Arzneimittel, Ärzte und weitere Versorgungsbereiche.
Damit bleibt die entscheidende Frage offen: Bringen 10 bis 20 große Krankenkassen tatsächlich deutlich niedrigere Kosten – oder würde vor allem der Wettbewerb zwischen den Kassen kleiner?
93 Kassen heute, 10 bis 20 künftig?
Linnemann hält jedenfalls an seinem Ziel fest. Sollte sich seine Vorstellung durchsetzen, würde die deutsche Krankenkassenlandschaft vor einer der größten strukturellen Veränderungen seit Jahrzehnten stehen.
Von weit über 1.000 Krankenkassen in den 1990er-Jahren auf heute 93 zeigt bereits, wie stark die Konsolidierung vorangeschritten ist. Linnemanns Ziel von 10 bis 20 Kassen würde diesen Prozess nochmals erheblich beschleunigen.
--> Ob daraus tatsächlich relevante Einsparungen entstehen, bleibt jedoch offen: Während Linnemann auf größere und effizientere Kassen setzt, sehen Experten und der GKV-Spitzenverband bislang keinen nachgewiesenen Spareffekt und warnen zugleich vor einem Verlust an Wettbewerb.