Zi-Analyse: GKV-Spargesetz trifft Fachgruppen sehr unterschiedlich

Die aktuelle Sonderauswertung des Zi zeigt, dass Radiologen mit einem prognostizierten Vergütungsausfall von rund 68.000 Euro je Arzt den höchsten absoluten Honorarverlust infolge der geplanten Streichung kostenintensiver Sondervergütungen tragen müssen. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte sind prozentual zum Umsatz mit 15,75 % am stärksten betroffen.

07.07.2026

Das Bundeskabinett hat am 29.04.2026 das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen. Kernpunkt ist eine deutliche Reduktion der Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenkassen um mehr als 11 Mrd. €.

Die Einsparungen sollen vor allem durch den Wegfall bzw. die Kürzung einzelner Vergütungsbereiche erreicht werden.

Geplant ist unter anderem:

• Streichung der Finanzierung für schnelle Terminvergabe
• Wegfall der Vergütung für offene Sprechstunden
• Kürzungen bei der psychotherapeutischen Kurzzeitbehandlung
• Streichung der Vergütung für Organspende-Beratung
• keine Vergütung mehr für die Befüllung der ePA
• pauschale Kürzungen bei hausärztlichen und kinderärztlichen Leistungen

 

Zi-Analyse: starke Unterschiede zwischen Fachgruppen

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat anhand von Abrechnungsdaten berechnet, wie stark einzelne Fachgruppen 2027 vom Gesetz betroffen sein werden.

Die Ergebnisse zeigen erhebliche Spannbreiten beim erwarteten Honorarverlust pro Arzt.


Verluste nach Fachgruppen im Überblick

Fachgruppe Voraussichtlicher Vergütungsausfall 2027 in % zum Honorarumsatz
Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde 15,75 %
Radiologie 14,50 %
Neurologie 12,24 %
Ärztliche Psychotherapeuten 9,37 %
Orthopädie 9,29 %
Chirurgie 7,92 %
Innere Medizin 7,09 %
Nuklearmedizin 6,88 %
Psychiatrie 6,84 %
Nervenheilkunde 6,71 %
Dermatologie 6,42 %
Urologie 5,92 %
Physikalische und Rehabilitative Medizin 4,53 %
Allgemeinmediziner/hausärztliche Internisten 3,81 %
Gynäkologie 3,41 %
Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie 2,82 %
Kinder- und Jugendmedizin 2,51 %
Augenheilkunde 2,47 %
Anästhesiologie 0,81 %
Strahlentherapie 0,24 %
Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie 0,11 %
Humangenetik 0,10 %

 

Die aktuelle Sonderauswertung zeigt, dass Radiologen mit einem prognostizierten Vergütungsausfall von rund 68.000 Euro je Arzt den höchsten absoluten Honorarverlust infolge der geplanten Streichung kostenintensiver Sondervergütungen tragen müssen. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte sind prozentual zum Umsatz mit 15,75 % am stärksten betroffen.

Die Betrachtung der absoluten Eurobeträge allein lässt jedoch nur begrenzte Rückschlüsse auf die wirtschaftliche Belastung der einzelnen Fachgruppen zu. Deshalb wurden die vom Zi ausgewiesenen Vergütungsausfälle ins Verhältnis zu den jeweiligen Honorarumsätzen gesetzt. 

Während Radiologen absolut die höchsten Vergütungsausfälle verzeichnen, ergibt die relative Betrachtung ein anderes Bild: Bezogen auf den Honorarumsatz sind Hals-Nasen-Ohren-Ärzte am stärksten betroffen. Die Ausfallquote verdeutlicht damit die tatsächliche wirtschaftliche Belastung der einzelnen Fachgruppen und ermöglicht einen aussagekräftigeren Vergleich als die alleinige Betrachtung der absoluten Eurobeträge.

 

Gründe für die besonders hohen Verluste

Laut Zi sind bestimmte Fachrichtungen überdurchschnittlich betroffen, weil sie stark in folgende Strukturen eingebunden sind:

• aktive Organisation schneller Facharzttermine
• Versorgung von über Terminservicestellen zugewiesenen Patienten
• zusätzliche Leistungen im Zusammenhang mit Vermittlungsstrukturen der KVen

Gerade diese bisher gesondert vergüteten Leistungen sollen im Rahmen des Gesetzes entfallen.

 

Psychotherapie, Hausärzte und Kinderärzte ebenfalls betroffen

Weitere Auswirkungen betreffen:

Psychiater sowie psychologische und ärztliche Psychotherapeuten
→ Wegfall der Zuschläge für Kurzzeitpsychotherapie

Hausärzte und Kinderärzte
→ pauschale Kürzungen der Vergütung ohne direkte Leistungszuordnung

 

Zi warnt vor Folgen für Personal und Versorgung

Zi-Vorstandsvorsitzender Dominik von Stillfried sieht erhebliche Risiken für die Versorgung:

• kurzfristige Reaktion der Praxen oft nur durch Personalabbau möglich
• daraus folgende Reduktion von Terminen und Leistungsangeboten
• zunehmender Druck auf bestehende Versorgungsstrukturen

 

Staatlicher Finanzierungsanteil sinkt langfristig

Zusätzlich kritisiert das Zi die finanzpolitische Entwicklung im GKV-System.

Kernpunkte:

• Bund reduziert seinen finanziellen Beitrag zur GKV schrittweise
• ab 2030 voraussichtlich nur noch rund 3 % der GKV-Ausgaben aus Steuermitteln
• Ausgaben werden an die Entwicklung beitragspflichtiger Einnahmen gekoppelt

Folge laut Bewertung:

• strukturelle Finanzierungslücke wächst über Jahre weiter
• steigender Abstand zwischen Versorgungsbedarf und Finanzmitteln

 

--> Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz führt laut Zi zu sehr unterschiedlichen finanziellen Belastungen je nach Fachgruppe: Radiologen verlieren bis zu 68.000 € pro Arzt, während auch HNO, Neurologie, Orthopädie und Psychotherapie stark betroffen sind. Insgesamt sollen über 11 Mrd. € im System eingespart werden, was laut Kritik zu Personalabbau und einer spürbaren Reduktion des Versorgungsangebots führen könnte.

 

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